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Leitfaden Zukunftswerkstatt: So funktioniert die Methode


Foto einer Zukunftswerkstatt im Jahr 2045
So könnte eine Zukunftswerkstatt im Jahr 2045 aussehen.

Die Zukunftswerkstatt ist eine partizipative Methode, um in einer Gruppe Zukunft zu gestalten. Es entstehen Ideen und Lösungen für komplexe Probleme. In diesem Artikel gehe ich auf die Geschichte der Methode ein, gebe eine Begriffsdefintion, erkläre die drei Phasen einer Zukunftswerkstatt und nenne Tipps für eine zeitgemäße Durchführung und Moderation.


Inhaltsverzeichnis:



1. Wann ist eine Zukunftswerkstatt sinnvoll?


Du bist dir unsicher, ob die Methode für dein Problem geeignet ist? Dann helfen diese drei Fragen bei der Einschätzung:


  1. Du möchtest innovative Lösungen für ein komplexes gesellschaftliches, soziales oder ökologisches Problem erarbeiten?

  2. Du möchtest von Anfang an verschiedene Interessengruppen und Bürger*innen (5 bis 50) partizipativ einbeziehen?

  3. Du möchtest sicherstellen, dass die Teilnehmer*innen nicht im Negativen stecken bleiben, sondern zu positiven und umsetzbaren Ergebnissen kommen?


Wenn du alle drei Fragen mit Ja beantwortest, ist die Zukunftswerkstatt eine geeignete Methode für dein Projekt.



2. Die Geschichte der Zukunftswerkstatt


Die Methode wurde von dem Zukunftsforscher Robert Jungk entwickelt und entstand im Kontext der Umwelt- und Friedensbewegung Ende der 1960er Jahre. Damals scheiterten viele Bürgerbewegungen daran, dass die Beteiligten zwar sagen konnten, wogegen sie waren und was sie nicht wollten, aber nicht definieren konnten, was sie wollten.


Wenn aber nur das Negative benannt wird, ohne ein positives Ziel- oder Zukunftsbild zu entwerfen, ist es unmöglich, sinnvolle Schritte und Maßnahmen zu definieren. So lässt sich Veränderung nicht gestalten. Hier bietet die Zukunftswerkstatt eine Lösung: Durch Partizipation werden Betroffene zu Beteiligten, die zunächst in der Kritikphase ihre Schmerzpunkte (Ängste, Probleme, Herausforderungen) benennen und dann in der Fantasiephase gemeinsam Lösungen und ein positives Zukunftsbild entwickeln. Die Zukunftswerkstatt schafft somit einen gesellschaftlich wichtigen Raum für Austausch und Dialog, in dem Menschen befähigt werden positive Vorstellungen von der Zukunft zu entwickeln.


Das Vorgehen erinnert an das Prinzip des Cooperative Design, das in den 1960er Jahren in Skandinavien entstand und unter dem Begriff Design Thinking bekannter geworden ist. Auch hier werden alle relevanten Stakeholder eines Problems aktiv in den Klärungs- und Gestaltungsprozess einbezogen, um sinnvolle und nutzbare Lösungen zu entwickeln. Die Kernbotschaft einer Zukunftswerkstatt lautet: Wir alle können die Zukunft aktiv mitgestalten. Oder um es mit den Worten von Joseph Beuys zu sagen:


„Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden. Sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen.”


3. Was ist eine Zukunftswerkstatt?


Die Zukunftswerkstatt ist eine partizipative Methode zur Entwicklung von Lösungen und Ideen. Häufig werden gesellschaftliche, soziale oder ökologische Herausforderungen bearbeitet. Durch diesen partizipativen Prozess entsteht ein kreativer Dialograum, an dem typischerweise zwischen 10 und 30 Personen teilnehmen. Mit mehreren Coaches sind auch größere Formate möglich. Diese Perspektivenvielfalt fördert das ganzheitliche Verständnis einer Herausforderung und führt zu besseren Lösungen.


Eine Zukunftswerkstatt dauert je nach Thema und Anzahl der Teilnehmer*innen ein bis drei Tage und wird in Form eines Workshops durchgeführt. Die Methode wird häufig von Gemeinden und Kommunen zur Bürgerbeteiligung in der Stadtplanung oder von Organisationen zur Organisationsentwicklung eingesetzt.


Eine Zukunftswerkstatt kann „offsite” stattfinden, also an einem Ort außerhalb der Organisation, um die Teilnehmer*innen dabei zu unterstützen aus dem Alltag und den etablierten Routinen auszubrechen. Sie kann aber auch „onsite” in der Organisation stattfinden, wenn inspirierende Räumlichkeiten und Materialien zur Verfügung stehen, die ein kreatives Arbeiten und Fokus fördern (Pinnwände, Whiteboards, Post-its, flexible Sitz- und Stehmöglichkeiten für diverse Arbeitsphasen, Material für die Gestaltung von Prototypen).



4. Typische Probleme und Ausgangsfragen für eine Zukunftswerkstatt


Der in den 1970er Jahren aufgekommene Begriff der „Wicked Problems" beschreibt für mich treffend die Art der Herausforderungen, die typischerweise in Zukunftswerkstätten bearbeitet werden. „Wicked Problems“ zeichnen sich dadurch aus, dass sie sozial komplex sind, d.h. es gibt unbekannte Faktoren und eine Vielzahl von Beteiligten, so dass analytische und lineare Verfahren zu ihrer Lösung meist nicht geeignet sind.


Wie bereits erwähnt, werden in Zukunftswerkstätten häufig gesellschaftliche, soziale oder ökologische Themen bearbeitet. Dabei geht es um Lebens- und Arbeitswelt, Bildung und Lernen, Gerechtigkeit, Gemeinwesen, Umwelt und Nachhaltigkeit, Gesundheit oder Mobilität. Zu Beginn einer Zukunftswerkstatt wird von allen Beteiligten gemeinsam geprüft, ob die Herausforderung als relevant, dringlich und lösbar angesehen wird.


Typische Ausgangsfragen für eine Zukunftswerkstatt:

  • Wie wollen wir in Zukunft leben?

  • Wie wollen wir in Zukunft wohnen?

  • Wie wollen wir in Zukunft arbeiten?

  • Wie wollen wir, dass unsere Städte in Zukunft aussehen?

  • Wie wollen wir uns in Zukunft fortbewegen?

  • Wie wollen wir uns in Zukunft weiterbilden?

  • Wie können wir die Umwelt schützen?

  • Wie können wir Gemeinschaft fördern?


Im Zusammenhang mit der Zukunftswerkstatt empfehle ich die Verwendung von „Wie können wir”-Fragen (WKW-Fragen). In diesem Artikel beschreibe ich ausführlich den Einsatz dieser Methode.



5. Die drei Phasen einer Zukunftswerkstatt


Methodisch gliedert sich die Zukunftswerkstatt in drei Phasen, die durch eine Vor- und eine Nachbereitung ergänzt werden. In der Vorbereitung wird die Methode sowie die Arbeitshaltung vorgestellt und die Teilnehmer*innen lernen sich durch einen Check-in kennen. Ein optionales Warm-up hilft, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen. Dann wird das Thema benannt und die Teilnehmer*innen entwickeln eine passende Problemfrage. Auch wenn bereits eine Frage vorbereitet wurde, ist es wichtig, dass das Team während der Vorbereitung die Möglichkeit hat, die Frage zu überarbeiten. Die Vorbereitung endet damit, dass alle Teilnehmer*innen zustimmen, dass das Problem relevant, dringlich und lösbar ist.


  1. Kritik: In der Kritikphase geht es darum, dass die Teilnehmer*innen Probleme und Herausforderungen (Befürchtungen, Ängste und Schwierigkeiten) im Kontext der Frage identifizieren und benennen. Die Moderation fragt: Was stört uns an der aktuellen Situation? Was wollen wir in Zukunft nicht mehr? Die Teilnehmenden haben fünf Minuten Zeit, die Frage für sich zu beantworten (Silent Brainstorming), schriftlich auf Post-its. Wichtig ist, dass die Antworten kurz, kritisch und konkret sind (Beispiel: zu viel Verkehr im Stadtteil). Anschließend werden die Post-its auf einem Whiteboard gesammelt, gruppiert und mit Oberbegriffen beschriftet. Ergänzend können in einem zweiten Schritt auch Antworten auf eine positive Frage gesammelt werden: Was gefällt uns an der jetzigen Situation? Was möchten wir in Zukunft beibehalten? Diese Antworten dienen in der Fantasiephase als positive Inspiration. Schließlich erhalten alle die gleiche Anzahl an Klebepunkten und wählen aus den negativen Themen diejenigen aus, die sie am meisten stören. Diese Phase endet mit der Auswahl der drei bis fünf Kritikpunkte, die die meisten Punkte erhalten haben.

  2. Fantasie: In der Fantasiephase entwickeln die Teilnehmer*innen Utopien für eine bessere Zukunft. Die Moderation fordert zu Beginn der Phase explizit dazu auf die Lösungen ohne Rücksicht auf begrenzende Faktoren (Geld, Ressourcen, Know-how, Tradition) zu entwickeln. In dieser Phase wird keine Kritik geübt, alles ist erlaubt. Im ersten Schritt werden die ausgewählten Kritikpunkte gemeinsam positiv umformuliert. Anschließend erhält jede Person fünf Minuten Zeit (Silent Brainstorming), um fantasievolle und utopische Lösungsideen auf Post-its zu notieren. Diese werden am Whiteboard gesammelt, gruppiert und durch Klebepunkte selektiert. Im nächsten Schritt werden Kleingruppen gebildet, die mehrere der ausgewählten Faktoren zu einem positiven Zukunftsbild zusammenfügen. Abschließend präsentieren alle Gruppen ihre Visionen im Plenum möglichst greifbar in Form eines Prototyps (Plakat, Rollenspiel, physisches Objekt).

  3. Realisierung: In der Realisierungsphase bewerten die Teilnehmer*innen die vorgestellten Visionen in Bezug auf ihre Machbarkeit und definieren die nächsten Umsetzungsschritte. Die Moderation fragt: Gibt es reale Beispiele, die in Richtung unserer Vision gehen? Welche Elemente sind machbar und können kurz- oder mittelfristig umgesetzt werden? Welche Teile der Vision sind schwierig umzusetzen? Wen müssen wir überzeugen und ins Boot holen? Womit fangen wir morgen an? Die Kleingruppen dokumentieren die Antworten auf diese Fragen und definieren im Idealfall einen Projektplan mit den nächsten sinnvollen Umsetzungsschritten. Das können Ziele, Projekte, Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Termine sein - je konkreter, desto besser. Abschließend erläutert die Moderation, wie es nach der Zukunftswerkstatt weitergeht und ein Check-out beendet den Workshop.


In der Nachbereitung wird eine Dokumentation der Ergebnisse erstellt und allen Teilnehmer*innen und Projektbeteiligten zur Verfügung gestellt. Die nächsten Termine und Präsentationen sowie der Dialog mit Expert*innen und wichtigen Partner*innen werden geplant. Größere Bürgerbefragungen oder Online-Umfragen helfen, weiteres Feedback zu den Visionen zu erhalten.



Zukunftsbild der Stadt Berlin im Jahr 2045
So könnte Berlin im Jahr 2045 aussehen.

6. Zukunftswerkstatt 2024: Tipps für eine zeitgemäße Durchführung und Moderation


Zukunftswerkstätten wurden Ende der 1960er Jahre entwickelt, aber das Potenzial dieser Methode und die Themen, mit denen sie sich befassen, sind auch heute mehr denn je von großer gesellschaftlicher Relevanz. Es wird immer wichtiger, Menschen mit ihren unterschiedlichen Perspektiven in die Lösung komplexer Probleme einzubeziehen. Die Zukunftswerkstatt fördert diese Vielfalt und schafft Raum für echte Partizipation. Sie verbindet Expert*innen und Laien und fragt alle gemeinsam: Wie wollen wir unsere Zukunft gestalten? So entstehen ganzheitliche und bessere Lösungen.


An der Arbeitsweise einer Zukunftswerkstatt hat sich seit damals nichts geändert: Alles ist wichtig, jede*r kommt zu Wort und alles wird am Ende gut dokumentiert. Im Idealfall sorgt ein*e erfahrene*r Moderator*in dafür, dass diese Haltung eingehalten wird, das garantiert echte Beteiligung und ein starkes Wir-Gefühl. Ganz wichtig ist, dass im Anschluss an eine Zukunftswerkstatt die Ergebnisse weiter verfolgt und umgesetzt werden. Idealerweise wird dies in Form von Zuständigkeiten, Folgeterminen sowie Kommunikationskanälen und -materialien berücksichtigt.


Fünf Tipps für eine Zukunftswerkstatt 2024:

  1. Mit Video-Call-Tools (z.B. Zoom, Microsoft Teams) und Online-Whiteboards (z.B. Miro, Mural) können Zukunftswerkstätten heute auch digital durchgeführt werden. Der Zauber einer Live-Zukunftswerkstatt ist natürlich nicht gegeben, aber aus Gründen der Nachhaltigkeit (z.B. bei überregionalen Themen) machen digitale Zukunftswerkstätten Sinn. Und auch eine Live-Zukunftswerkstatt kann über einen Online-Termin optimal mit den Teilnehmer*innen vorbereitet (Kick-off) und nachbereitet (Follow-up) werden.

  2. Digitale Befragungstools (z.B. Surveymonkey, Microsoft Forms) erleichtern die Erhebung quantitativer und qualitativer Daten sowohl in der Vor- als auch in der Nachbereitung einer Zukunftswerkstatt.

  3. Durch den Einsatz von KI (z.B. ChatGPT inkl. Dall-E, Midjourney) können die Teilnehmer*innen visuelle Bilder für ihre Zukunftsideen entwerfen. Abstrakte Lösungen werden so greifbar. Ich erstelle für viele meiner Workshops und Artikel Visualisierungen mit DALL-E (siehe Bilder oben). Es macht Spaß und inspiriert.

  4. Auch die Methode LEGO® Serious Play® eignet sich um Zukunftsideen greifbar zu machen. Mit LEGO® Steinen entstehen spielerisch Prototypen.

  5. Die nutzerzentrierten Designprozesse Design Thinking und Design Sprint weisen Parallelen zu einer Zukunftswerkstatt auf. Wer tiefer in die Themen Co-Creation, User Research sowie Umsetzung und Test von Prototypen einsteigen möchte, findet dort weitere Methoden.


Buchempfehlung:



Du suchst einen Moderator für deine Zukunftswerkstatt? Dann melde dich bei mir für ein kostenfreies Beratungsgespräch. Ich unterstütze dich bei der Vorbereitung und moderiere bundesweit.




PS: Bei größeren Formaten unterstützt mich der Zukunftsforscher Jonas Drechsel als Co-Moderator.

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