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Leitfaden: Aufbau und Moderation eines Werte-Workshops

Autorenbild: Steffen Sommerlad
Steffen Sommerlad
vor 5 Stunden
7 Min. Lesezeit

Ein Workshop-Team arbeitet an einem Tisch.
Werte-Workshop mit einem kleinen Team.

In einem Werte-Workshop klärt ein Team oder eine Organisation, welche Werte die Grundlage für die Zusammenarbeit bilden. Für jeden Wert wird beschrieben, an welchem Verhalten man ihn im Alltag erkennt. Viele Organisationen haben ihre Werte bereits festgelegt, und die Teams fragen sich, was diese Werte für ihre eigene Arbeit bedeuten. In diesem Leitfaden erkläre ich, wann sich ein Werte-Workshop lohnt, wie du ihn vorbereitest, wie ein typischer Ablauf aus meiner Praxis aussieht und wie die Werte im Anschluss im Alltag verankert werden.


Seit 2016 begleite ich als Teamcoach und Moderator Teams bei ihrer Entwicklung. Dabei sind Werte ein wiederkehrendes Thema. In diesem Artikel teile ich meine Erfahrungen aus einem Werte-Workshop mit einem Fachteam der Personalabteilung eines großen Berliner Unternehmens und stelle eine Methode vor, die ich dafür sehr gerne nutze.


Inhaltsverzeichnis:



1. Unternehmenswerte: gelebt, angestrebt oder nur behauptet


Werte beschreiben, was einem Team oder einer Organisation so wichtig ist, dass es im Zweifel Vorrang vor anderen Dingen hat. Das klingt einfach, doch in der Praxis werden Werte oft als Marketing-Werkzeug genutzt: Sie stehen auf der Website, klingen gut, haben aber mit dem Verhalten im Arbeitsalltag wenig zu tun. Edgar Schein unterscheidet in seinem Kulturmodell deshalb zwischen den von einer Organisation bekundeten Werten und den Grundannahmen, nach denen tatsächlich gehandelt wird. Patrick Lencioni hat 2002 in der Harvard Business Review ein sehr deutliches Beispiel dafür beschrieben: Kommunikation, Respekt, Integrität und Exzellenz waren laut Geschäftsbericht 2000 die Unternehmenswerte von Enron, kurz bevor der Konzern an einem Bilanzskandal zerbrach (Make Your Values Mean Something).


Für die Arbeit im Workshop nutze ich eine Unterscheidung, die im Werte-Check des Magazins Neue Narrative beschrieben wird.


  • Gelebte Werte spiegeln sich bereits im täglichen Verhalten wider.

  • Aspirative (bzw. angestrebte) Werte möchte das Team gern priorisieren, im Alltag zeigen sie sich aber noch nicht oder nur schwach ausgeprägt.

  • Werbe-Werte klingen zwar gut, zeigen sich aber weder im Verhalten, noch ist geplant, sie wirklich im Arbeitsalltag zu berücksichtigen.


Diese drei Begriffe stelle ich gleich zu Beginn eines Werte-Workshops in einem kurzen Input vor, da sie dem Team eine gemeinsame Sprache geben. Neue Narrative empfiehlt, Werbe-Werte zu streichen, und diesem Vorschlag schließe ich mich an, denn die Arbeit mit Werten lohnt sich nur, wenn das Team bereit ist, sie auch im Verhalten umzusetzen.



2. Wann sich ein Werte-Workshop lohnt


Ein Werte-Workshop lohnt sich, wenn ein Team eine gemeinsame Orientierung für Entscheidungen und Zusammenarbeit braucht. In meinen Projekten begegnen mir dabei vor allem drei Anlässe:


  • Vision, Mission und Werte entstehen zum ersten Mal. Ein Team oder ein Start-up hat bisher ohne ausformulierte Grundlage gearbeitet, und jetzt fehlt eine gemeinsame Orientierung für Prioritäten und Entscheidungen. In diesem Fall empfehle ich, die Werte zusammen mit Vision und Mission zu erarbeiten.

  • Unternehmenswerte gibt es bereits. Die Organisation hat Werte für alle Mitarbeitenden festgelegt, und ein Team will klären, was diese Werte für die eigene Arbeit bedeuten und welche Teamwerte dazukommen. Das war die Ausgangslage im Beispiel in Abschnitt 4.

  • Das Team ist gewachsen. Neue Kolleg*innen bringen neue Erwartungen mit, und vieles, was früher selbstverständlich war, muss jetzt gemeinsam ausgesprochen und geprüft werden.


Werte im Team wirken nur, wenn die Führungskräfte sie auch vorleben. Ich empfehle deshalb, bereits vor dem Workshop zu klären, ob die Führungskräfte teilnehmen und bereit sind, ihr eigenes Verhalten an den Ergebnissen messen zu lassen.



3. Die Vorbereitung


In der Auftragsklärung kläre ich zunächst den Rahmen, innerhalb dessen das Team über seine Werte entscheiden kann. Davon hängt ab, wie offen der Workshop gestaltet wird und welche Ergebnisse am Ende realistisch sind.


Klärende Fragen:

  • Gibt es bereits Unternehmenswerte, an die das Team anknüpfen soll?

  • Geht es um die Werte eines Teams oder um Werte für die gesamte Organisation?

  • Wer entscheidet am Ende über die Auswahl: das Team selbst oder die Geschäftsführung?

  • Was soll nach dem Workshop im Arbeitsalltag anders sein?


Außerdem gebe ich den Teilnehmenden vorab eine kleine Aufgabe. Im folgenden Beispiel haben alle mithilfe eines Reflexions-Templates zwei Fragen beantwortet: Welche Beispiele aus dem Arbeitsalltag zeigen, dass die vorhandenen Werte im Team schon gelebt werden? Und welcher Wert ist für eine gute Zusammenarbeit wichtig, fehlt aber bisher? So kommt jede Person mit eigenen Gedanken in den Raum und der Workshop startet mit Material aus dem Team.



4. Ablauf eines Werte-Workshops: ein Beispiel


Wie das konkret aussehen kann, zeige ich anhand eines Werte-Workshops, den ich im Herbst 2025 für ein Fachteam aus dem HR-Bereich eines großen Berliner Unternehmens moderiert habe. Das Unternehmen hat fünf Werte für alle Mitarbeitenden festgelegt und das Team wollte klären, wie es diese Werte versteht und welche eigenen Werte für seine Arbeit dazukommen. Wir haben drei Vormittage mit jeweils drei Stunden innerhalb einer Woche geplant: Montag, Mittwoch und Freitag. An den ersten beiden Terminen haben zwei Teilteams getrennt voneinander gearbeitet. Am dritten Tag sind sie zusammengekommen und haben sich gegenseitig ihre Ergebnisse vorgestellt.


  • Tag 1: Welche Werte sind uns wichtig? Nach dem Check-in und einem kurzen Input zu gelebten, aspirativen und Werbe-Werten tragen die Kleingruppen ihre Antworten aus der Vorbereitung zusammen. Danach wählt das Team im Plenum fünf Werte aus. In einer Brainstorming-Galerie schreiben alle zehn Minuten lang still ihre Gedanken zu jedem Wert auf Post-its. Anschließend arbeiten drei Kleingruppen die ersten drei Werte auf Templates aus.

  • Tag 2: Was braucht das Team, um die Werte zu leben? Die noch fehlenden Werte werden ausgearbeitet. In einem kurzen Input stelle ich einfache Routinen vor, mit denen sich Werte im Alltag leben lassen. Regelmäßige Feedback-Gespräche zahlen beispielsweise auf die Weiterentwicklung ein, da sie sichtbar machen, was gut gelaufen ist und was das Team beim nächsten Mal besser machen kann. Ein monatlicher Impulsvortrag aus dem Team sorgt für Inspiration (einmal im Monat teilt eine Person, was sie gerade beschäftigt, beispielsweise ein neues Tool, ein Buch oder eine Erkenntnis aus einem Projekt). Ein physisches Kanban-Board mit allen aktuellen Projekten schafft Transparenz, sodass auf einen Blick zu sehen ist, wer woran arbeitet und wo es hakt. In einer zweiten Galerie sammelt das Team Methoden und Routinen, die zu den eigenen Werten passen.

  • Tag 3: Für welche Werte entscheiden wir uns? Die Teilteams stellen sich ihre Ergebnisse gegenseitig vor. Danach wählen alle gemeinsam die fünf wichtigsten Teamwerte aus. Zum Abschluss reflektieren wir den Prozess und klären, wann das Team die Werte das nächste Mal prüft und wo die Ergebnisse abgelegt werden, damit sie im Alltag präsent sind.



5. Vom Wert zum Verhalten


Viele Teams wählen ähnliche Werte aus, z. B. Wertschätzung, Vertrauen und Innovationsfreude, und das ist vollkommen normal. Der wichtigste Teil der Wertearbeit ist die Übersetzung der ausgewählten Werte in Verhaltensweisen, die das Team leiten und im Arbeitsalltag funktionieren. Entscheidend ist also die Klärung, was diese Begriffe für das Team und die Zusammenarbeit bedeuten. Auf unseren Templates standen dafür zwei Überschriften: „Daran merken wir, dass der Wert gelebt wird" und „Daran merken wir, dass der Wert nicht gelebt wird". So sah das Ergebnis für den Wert Wertschätzung in Auszügen aus:


  1. Daran merken wir, dass der Wert gelebt wird: Wir geben regelmäßig konstruktives und positives Feedback und spiegeln gute Leistungen zeitnah zurück. Wir reagieren innerhalb von 24 Stunden auf Anfragen. Wir feiern Erfolge gemeinsam und drücken Anerkennung offen aus, auch für kleine Fortschritte.

  2. Daran merken wir, dass der Wert nicht gelebt wird: In Meetings wird nicht zugehört, parallel gechattet oder ohne Agenda gearbeitet. Rückmeldungen bleiben aus oder sind zu allgemein („Danke" ohne konkrete Anerkennung).


Der zweite Punkt ist mindestens genauso wertvoll wie der erste, weil er beschreibt, woran das Team im Alltag merkt, dass ein Wert gerade nicht gelebt wird. Jede Person kann beim nächsten Termin beobachten, ob in Meetings parallel gechattet wird. Genau solche Sätze braucht das Team später, um seine Werte zu prüfen.



6. Werte prüfen und nachbessern: der Werte-Check


Ein häufiger Stolperstein ist, dass ein Werte-Workshop mit einem schön gestalteten Plakat endet und die Werte danach im Arbeitsalltag keine Rolle mehr spielen. Ob die Werte tragen, zeigt sich erst in den Wochen nach dem Workshop. Ich empfehle deshalb, schon am letzten Termin festzulegen, wann und in welchem Format das Team seine Werte prüft. Im Beispiel stand diese Frage als eigener Block auf der Agenda, und das Team hat u. a. eine 24-Stunden-Regel für Anfragen, zwei Feedback-Gespräche pro Person bis zum Jahresende und einen Soll-Ist-Check der Aufgabenverteilung alle sechs Wochen vereinbart.


Für die Prüfung selbst nutze ich den Werte-Check von Neue Narrative, der auf deren Plattform 9 Spaces erschienen ist. Er setzt dort an, wo ein Team seine Werte bereits festgelegt hat, und lässt sich gut in eine Retrospektive einbauen. Für jeden Wert beantwortet das Team drei Fragen, im Idealfall mit Beispielen aus den letzten Wochen:


  1. Wie sieht dieser Wert aus, wenn wir ihn leben?

  2. Welches Verhalten steht im Widerspruch zu diesem Wert?

  3. In welchen kritischen Situationen ist es besonders wichtig, dass sich der Wert im Verhalten zeigt?


Die Antworten legt das Team neben die Sätze aus dem Workshop. Wo beides auseinanderläuft, gibt es drei Möglichkeiten zum Nachbessern:


  • Verhalten schärfen: Ein Satz ist zu allgemein, um ihn im Alltag zu beobachten, und wird konkreter formuliert.

  • Routinen anpassen: Neue Narrative schlägt dafür die Fragen vor, wie das Team das gewünschte Verhalten begünstigen und das unerwünschte weniger wahrscheinlich machen kann, besonders in den kritischen Situationen.

  • Werte streichen oder zusammenlegen: Wenn ein Wert über Monate keine Rolle spielt und das Team auch nichts daran ändern will, ist er zum Werbe-Wert geworden und darf gehen.


Eine vierte Frage aus dem Werte-Check richtet sich an die Führung: Wer sollte als Vorbild agieren, und wie stellt das Team sicher, dass dieses Verhalten im Einklang mit den Werten steht? Die erste Prüfung begleite ich gern in einem Online-Follow-up, damit das Team den Werte-Check einmal moderiert erlebt. Danach kann es ihn selbst moderieren, z. B. als festen Teil der Retrospektive.



7. Häufige Fragen zum Werte-Workshop


Wie lange dauert ein Werte-Workshop?

Im Beispiel waren es neun Stunden, die auf drei Vormittage in einer Woche verteilt waren. Ich empfehle mehrere kürzere Termine, da das Team zwischen den Terminen über die Werte nachdenken und am nächsten Tag mit frischem Blick weiterarbeiten kann. Ein Werte-Workshop kann aber auch als ein- bis zweitägige Veranstaltung durchgeführt werden. Für Unternehmenswerte, die in der ganzen Organisation gelten sollen, sind zusätzlich weitere Perspektiven erforderlich, z. B. durch Interviews, eine Umfrage oder Workshops in mehreren Teams.


Brauchen wir eine fertige Werteliste?

Eine Liste mit Wertebegriffen kann als Inspiration dienen. Ich starte jedoch lieber mit Beispielen aus dem Arbeitsalltag des Teams. Gibt es bereits Unternehmenswerte, sind diese der beste Ausgangspunkt, weil das Team daran anknüpfen kann und die eigenen Werte zur Organisation passen.


Woran erkenne ich eine gute Moderation für einen Werte-Workshop?

Eine gute Moderation fragt in der Auftragsklärung nach vorhandenen Werten, nach dem Entscheidungsweg und danach, was im Alltag anders sein soll. In der Agenda ist mehr Zeit für die Übersetzung in Verhalten und Routinen als für die Auswahl der Begriffe eingeplant. Am Ende steht eine Dokumentation, die für jeden Wert konkretes Verhalten und nächste Schritte enthält. Wie du eine Moderation allgemein vorbereitest, beschreibe ich im Leitfaden für Teamworkshops.


Was kostet ein moderierter Werte-Workshop?

Ein moderierter Workshop-Tag kostet bei mir 3.750 € netto und umfasst Vorbereitung, Moderation und Dokumentation. Bei mehreren kürzeren Terminen richtet sich der Preis nach dem Gesamtumfang.



Du suchst einen Teamcoach für euren Werte-Workshop? Dann schreib mir für ein unverbindliches Kennenlerngespräch.




Foto: Angela Elbing

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